Zur Geschichte der Kirche St. Johann Bapt. in Schneidhain

von Wolfgang Erdmann

 

Wann man das Straßendorf Schneidhain im Rodungsgebiet an einem Übergang über den Liederbach gründete oder aus einem Nebenhof des Fronhofes Sulzbach in der Vogtei Sulzbach entwickelte, ist nicht über­liefert. Grundherr war seit 1035 die Bene­diktiner-Abtei Limburg an der Haardt. Ihr wurde von Kaiser Konrad II. (1024-1039) bald nach der Klostergründung 1025 der Fronhof aus Reichsgut übereignet. Die Namensform des Hofes bzw. des Dorfes spricht für eine Gründungszeit während der sogenannten „Binnenkolonisierung“ im 11. Jh. Demnach könnte dieser Vorgang sogar noch in die vorlimburgische Zeit datieren, mit Sicherheit aber dann in die frühe Zeit der Limburger Grundherrschaft fallen.

 

Ob sogleich nach Anlage des Hofes bzw. nach Ausweitung zu einer kleinen Siedlung auch eine Kapelle vorhanden war, ist unbekannt und wird es mangels Quellen oder archäologisch-baugeschichtlicher Un­tersuchungen auch bleiben. Es liegt durch­aus im Rahmen des im ausgehenden Mittelalter Möglichen, daß ein Kapellenbau vorhanden war, sei es aus Holz als Schwellenbau über Steinfundament, sei es als Steinbau. Wenn er tatsächlich vorhanden gewesen sein sollte, dann wird er wegen der üblichen Patroziniums-Kontinuität schon St. Johann Bapt. geweiht gewesen sein. (Das Patrozinium sagt nichts darüber aus, daß diese Kapelle etwa eine „Taufkirche“ gewe­sen sei, wie mehrfach behauptet worden ist: Derartige „Taufkirchen“ gab es im 11. Jh. in einer längst durchchristlichen Gesellschaft als „spezialisierten“ Kirchenbau nicht mehr - zuständig für die Taufen waren die zugehörigen Pfarrkirchen, hier diejenige in Sulzbach.)

 

Wie die Kinder zur Taufe, so mußten auch die Verstorbenen zur Pfarrkirche ge­bracht werden, um auf dem dortigen Fried­hof bestattet zu werden. Einen Friedhof aber dürfte es in Schneidhain in dessen Frühzeit kaum gegeben haben. Einer Kapelle stand ein solcher eben kirchenrechtlich nicht zu! So wäre zu vermuten, daß Schneidhain seinen Friedhof rund um die Johannis­kapelle erst erhalten hat, als diese zur Pfarrkirche erhoben wurde. Der Erhebung Schneidhains und Altenhains zu einer eigenständigen, von Sulzbach unabhängigen Pfarre kommt nicht nur eine ganz besondere Bedeutung zu; sondern in der allgemeinen Kirchengeschichte, sondern vor allem im mittelalterlichem Kirchenrecht - hier nun wiederum des sogenannten Niederkirchen­wesens hinsichtlich der Pfarrkirchen, deren Bau- und Vermögensverwaltung - einen besonderen Quellenwert.

 

Die einzelne Pfarre ist nämlich, nicht nur heute, sondern noch viel stärker im Mit­telalter und in der frühen Neuzeit, die Kern­zelle allen kirchlichen Wesens. Für den Bezirk einer Pfarre, deren Grenzen genau festgelegt waren, ist immer nur eine Pfarr­kirche zuständig gewesen. An ihr hingen nicht nur die ausschließlichen Rechte, zu taufen und zu beerdigen, die Beichte und die Absolution, die Pflicht, dort eine Sonntags­messe bzw. -predigt zu besuchen, sondern auch die Bau- und Vermögensverwaltung der jeweiligen Gemeinde. Und diese wurde nahezu ausschließlich von „Laien“ geleistet. Konkret: Für die wenigen Schneidhainer Kirchgenossen bestimmten mehrheitlich die Sulzbacher, freilich unter Beteiligung weni­ger Schneidhainer. Und deswegen beobach­ten wir im Mittelalter die allgemeine Ent­wicklung, daß man immer bestrebt war, Pfarren zu teilen, um sie auf immer kleinere topographische Einheiten mit kleineren Be­völkerungszahlen zu reduzieren. Auch waren es mitnichten die wachsenden Ge­meinde-Mitgliederzahlen, die dazu führten; das belegt der Umstand, daß die Pfarrteilun­gen erst richtig in Schwung kamen, nachdem sich die Bevölkerung durch die Große Pest (1349) zwischen einem Drittel und ihrer Hälfte dezimmiert hatte. Nein: Vielmehr die Sorge um das eigene Seelen­heil, um Memoria für die Toten und Ablaß zeitlicher Sündenstrafen - also wegen Jen­seitsfurcht - wurden Pfarren geteilt, und um Machtausübung oder -kontrolle der dann kleiner werdenden Laiengruppe über „die letzten Dinge“. Hier liegt acu der Grund für das Schaffen einer eigenständigen Pfarrei für Schneidhain und Altenhain - auch wenn es direkt durch Quellen nicht überliefer ist, einerseits da die Quellen fehlen oder solche nicht bearbeitet sind, andererseits weil das eben die allgemeine Lage für das späte Mittelalter ist. Nochmals: Deswegen kommt dem Vorgang eine besondere Bedeutung zu, Schneidhain als eigenständige Pfarre zu wissen.

 

Für eine solide Schneidhainer Kirchen­geschichte fehlen aber die meisten Grundla­gen. Bis heute ist beispielsweise nicht ermittelt, wie denn das alte von Otto Raven zusammengestellte (nachmittelalterliche) Pfarrgut zusammengekommen ist. Ein Teil davon muß schon an die Pfarrei Sulzbach gegangen sein, denn diese hatte bei Erhe­bung Schneidhains zur Pfarre für eine ent­sprechende Ausstattung des neuen Pfarrers zu sorgen. Ein weiterer Teil muß bei der Erhebung zur Pfarre zustande gekommen sein. Nur wenn eine ausreichende Dotation des neuen Pfarrers vorhanden war, durften Pfarren überhaupt geteilt werden. Eine bestehende Pfarrei Schneidhain-Altenhain hat dann natürlich für ihre ureigensten Zwecke Geld und Dotationen gesammelt, nämlich zugunsten der Memoria der eigenen Toten.

 

Wie die Nachbardörfer Altenhain und Neuenhain dürfte auch Schneidhain im (ausgehenden ?) 12. Jh. als „Rodungsort“ von Sulzbach abgeteilt worden sein. Das bedeutete keinesfalls auch eine Loslösung aus der Pfarrei Sulzbach. Allerdings bestand im weiteren Zeitraum um 1200 in Schneid­hain ein Kirchenbau; ob dies ein schon älterer war (siehe oben) oder ein erst jüngst errichteter, ist offen. Bauarchäologische Forschungen stehen dazu noch immer aus, obwohl sich bei der jüngsten Renovierung der Schneidhainer Kirche l990/91 eine günstige Gelegenheit dazu geboten hätte. Der Kirchenbau von um 1200 war vermut­lich ein steinerner Rechtecksaal, wie er für diese Zeit vielfach belegt ist. Höchstwahr­scheinlich hatte er sogar die Abmessungen des heutigen Kirchenschiffes, den Chor nicht mitgerechnet, eine durchaus übliche Raumgröße, dessen Breite weniger vom Platzbedarf, sondern von der zur Verfügung stehenden Länge der Deckenbalken zum Aufruhen eines Kehlbalken-Dachwerkes abhing. Daher ähneln sich im Mittelalter die Breiten aller Saalkirchen (oder Bauteile von größeren Kirchen) immer aufgrund der Variationsmöglichkeiten von Balkenlängen. In Schneidhain wird dies nicht anders gewesen sein.

 

Über den Status dieser Schneidhainer Kirche sind wir für die Zeit um 1200 leid­lich unterrichtet. Eine Quelle, das Kopial­buch des Mainzer Stiftes St. Stephan, angelegt um 1215/22, berichtet darüber. Es ist die wichtigste Quelle zur frühen Geschichte sowohl Schneidhains als auch Königsteins. Da dieser Text bisher nicht ediert ist, lassen wir ihn hier wörtlich nach Editionsprinzipien folgen, zeilengerecht und mit aufgelösten Kürzeln.

 

Paris, Bibl. Nat., Fonds Latin No. 17 794, „Rotulus iurium et bonorum ecclesiae Sancti Stephani Moguntinae“ (Cartulaire de St. Etienne de Mayance / Kopialbuch von St. Stephan, Mainz [betreffend die Verluste des Stiftes St. Stephan, um 1215/22]), pag. 185 (olim fol. 72 [r] ), z 6-9:

                                                  6.  „In Diezilnhan hanc decimam q(uae) soluit  trahunt ad eccl(es)i(am) /

                                                  7.  i(n) Sneithan  in qua cantat capellanus de Kunegistein (e)t e(st) /

                                                  8.  illa eccl(es)ia ext(ra) n(ost)ros terminos  illam in q(uam) decimam auf(ert) /

                                                  9.  nobis Arnoldus de Kunegistein.“

Zunächst eine freie Übersetzung: In Diezelshain, dessen Zehnten ... einbrachte, zieht man nun an die Kirche in Schneidhain, in welcher der Kaplan von Königstein die Messe singt. Und jene Kirche liegt außerhalb unseres Gebietes. Jenen Zehnten entzieht uns Arnold von Königstein.

 

Die ev. Johanniskirche in Schneidhain, Blick von Südosten

Foto: Harald Werner

 

Und nun eine freie Übersetzung mit eingeschobenen Erläuterungen: (Verlust) in Diezilnhan (im frühen 16. Jh. durch Graf Eberhard IV. von Eppstein-Königstein wüstgelegtes Dorf Diezelshain, nordöstlich von Schloßborn am Dittelshainer Bach gelegen), dessen Zehnten (an das St. Stephans-Stift zu Mainz 30 Malter Hafer Limburger Maßes) einbrachte, zieht man nun (d. i. man zwingt nun zu zahlen/abzu­liefern) an die Kirche in Sneithan (Schneid­hain), in welcher der Kaplan von Königstein (d. i. der Kaplan an der Königsteiner Burg­kapelle, die mutmaßlich in der „vorburc“, der heutigen „Altstadt“, gelegen war und nicht auf der eigentlichen Höhenburg) die Messe singt (d.i. der Königsteiner Kaplan zelebriert regelmäßig zur „Versorgung“ der Schneidhainer die Messe, ohne dort eine wirkliche Pfründe zu besitzen oder gar der zuständige Pfarrer zu sein - Schneidhain gehörte zur Pfarrei Sulzbach -; eine solche wird ihm aber indirekt durch „Umleitung“ des Diezelshainer Hafer-Zehnten geschaf­fen). Und jene Kirche (in Schneidhain) liegt außerhalb unseres Gebietes (d. i. außerhalb des Stifts-Besitzes von St. Stephan bzw. der zugehörigen Pfarrei [Schloß-] Born, so daß der Zurückerhalt dieses Zehnten schwierig oder unmöglich ist). Jenen Zehnten (aus Diezilnhan) entzieht uns (dem Stift St. Stephan, wie lange schon, ist nicht gesagt, so daß um 1215/22 schon ältere Zustände kritisiert sein können) Arnold von Kunegistein (ein gewisser Arnold, der als Ministerialer und „Burgmann“ auf Burg Königstein gesessen und für seinen Burg­herren so etwas wie Amtmann-Funktionen ausgeübt haben muß sowie Zwangsmittel zur „Umleitung“ eines Zehnten zur Verfü­gung hatte; er ist hier nach seinem Funktionsort benannt, da „Familiennamen“ damals erst langsam aufkamen).

 

Die buchhalterische Notiz aus Mainz, schriftlich niedergelegt um 1215/22, aber möglicherweise Zustände betreffend, die schon länger eingetreten waren, darf für die hochmittelalterliche Geschichte Königsteins und Schneidhains nicht unterschätzt werden. Sie belegt uns eine voll ausgebaute Burg Königstein mit Kapelle in der Vorburg. Unter Umständen könnte es sich damit auch um die Vorgängerburg aus dem frühen Mittelalter (7./9. Jh.) in ihrem letzten Ausbauzustand mit ergrabenem Bergfried/ Donjon handeln, was aber eher unwahr­scheinlich sein dürfte. Jedenfalls saß dort ein Ministerialer namens Arnold als „Burg­mann“, der für seinen Herrn, Kuno I. von (Hagen-Arnsburg-) Münzenberg (1151-1207), die Machtmittel besaß, den Diezels­hainer Zehnten umzuwidmen und diesen der Schneidhainer Kirche als Quasipfründe für den Königsteiner Burgkaplan zu geben, seinem Untergebenen nämlich.

 

Darüber hinaus bestätigt der Mainzer Eintrag weiterhin grundherrschaftliche Verhältnisse und Grenzen von Pfarrbezirken für den Zeitraum um 1200, welche ins 11. Jh. zurückreichen. Einerseits gehört König­stein nicht zur Pfarre von (Schloß-) Born, die um 980 gegründet worden ist, ebenso­wenig zur Sulzbacher Pfarrei, welche ins frühe Mittelalter zurückreichen dürfte. Von ihr, die um 1200 auch noch Schneidhain umfaßt haben muß, ist die Pfarre Schneid­hain später ausgegliedert worden, anders als dies der Verfasser fälschlicherweise im Burgfestbuch 1993 dargestellt hat! Dem entsprechen die grundherrlichen Verhält­nisse: Aus dem Gebiet der Vogtei Sulzbach, die 1035 aus Reichsbesitz an die Abtei Limburg kam - und hierzu gehörte eben auch Schneidhain (siehe oben) - war die Ortsgemarkung Königsteins geradezu „herausgeschnitten“, so daß sie dem Reich verblieb und so um 1200 von Kuno von Münzenberg von Reichs wegen verwaltet werden konnte. Das gilt auch für die Pfarrzugehörigkeiten im Gebiet Königstein: Burg und Vorburg waren der sehr alten Pfarrei (Ober-) Eschbach und das „Thal“, die bürgerliche Siedlung an Fernstraße und Höhenbach, der ebenfalls sehr alten Pfarrei Gronau (am Zusammenfluß von Nidder und Nidda) zugeschlagen. Diese verworrenen Pfarrverhältnisse Königsteins werden 1422 in einem Weistum bestätigt, woran sich auch der Pfarrer (Pleban) von Schneidhain betei­ligt, was zugleich der älteste Beleg für eine eigenständige Pfarre Schneidhain ist (siehe unten).

 

 

Grundriß der ev. Johanniskirche in Schneidhain

 

Diese muß also vor 1422 dadurch eingerichtet worden sein, daß man Schneid­hain und Altenhain (das ja schon seit dem ausgehenden 12. Jh. in der Vogtei Sulzbach ein vom Ort Sulzbach losgelöstes Dorf war, was auch für Schneidhain zu gelten hätte) nun von der Pfarre Sulzbach abgetrennt hatte. Das wird eine längere Zeit vor 1422 geschehen sein, wann ist unbekannt. Da Neuenhain 1326 von der Pfarre Sulzbach abgeteilt wurde und eine neue Pfarre bildete, wird man auch vermuten dürften, daß gleiches in der 1. Hälfte des 14. Jhs. für Schneidhain und Altenhain geschah. Eine gewisse Bestätigung wird darin erkannt, daß es nicht schon im 13. Jh. vorgenommen wurde, sondern erst im 14. Jh., da der Send bzw. das Sendgeding (Pfarrgericht des Archidiakons mit Laien-Schöffen) in Sulz­bach verblieb und nicht - wie früher üblich - jede, auch neue Pfarre ihr eigenes Send bekam. Deswegen halten wir das Schaffen der eigenständigen Pfarre von Schneidhain/ Altenhain als im mittleren Drittel des 14. Jhs. vorgenommen. Dieser Zeitraum liegt lang genug vor 1422, fällt vor die weit­gehende Zerstörung Schneidhains um 1365, liegt hinsichtlich des Sends nicht im 13. und frühen 14. Jh. und erschiene in etwa parallel zur Loslösung Neuenhains von der Pfarrei Sulzbach.

 

Der Zeitpunkt, wann eine frühere Kapelle oder Filialkirche zur Pfarrkirche erhoben wird, ist für die Baugeschichte der neuen Pfarrkirche von höchster Wichtigkeit. Nun sind ihr erheblich mehr liturgische Nutzungen zugewiesen als einer Kapelle sowie auch weitere Funktionen, beispiels­weise das ausschließliche Tauf- und Bestat­tungsrecht, die ständige Aufbewahrung des Viaticums, Sonderliturgien für Kar- und Osterzeit, Fastenanfang, Fronleichnam, Himmelfahrt, Allerheiligen und Allerseelen, regelmäßige Predigten, ein Läuteregime der Glocken, Funktionstrennung von Altären (etwa Scheidung von Hochaltar und Kreuz­altar bzw. Neuanlage des dann fehlenden) usw. Eine Erhebung zur Pfarrkirche zieht somit zwangsläufig bauliche Veränderun­gen, zumeist auch Erweiterungen nach sich wie ferner einen Schub von Neu- oder Ergänzungsausstattung. Das dürfen wir auch in Schneidhain für das angeführte mittlere Drittel des 14. Jhs. bzw. die unmittelbar nach Erhebung zur Pfarrkirche gelegene Zeit voraussetzen; dabei wird eine Teilzer­störung Schneidhains 1365 - übrigens auch des zur neuen Pfarre gehörigen Altenhain - den Erweiterungen und Neuausstattungen eine Grenze gesetzt haben.

 

Zwei Veränderungen sind heute noch nachvollziehbar:  1.  Es wurde ein Chor an den Rechteckbau angefügt, mutmaßlich mit leichter Stelzung, so daß mit einem 5/8-Chorhaupt nun der Gesamtbau länger wurde und im Inneren Kreuz- und Hochaltar die Kirchenachse bestimmten. Dies ist zu schließen, da nach Einsturz und Teilabbruch 1732 die 1741 geweihte Kirche auf exakt gleichem Grundriß neu erbaut worden ist und somit auch den alten, dreiseitig gebrochenen, spätgotischen Chorgrundriß beibehielt. Wie groß das Maß der mit dem Choranbau verlängerten mutmaßlich hoch­mittelalterlichen Saalkirche war, ist mangels Untersuchungen noch nicht feststellbar. Schlägt man indes die Baugeschichten von kleineren Kirchenbauten nach, die archäo­logisch-baugeschichtlich als hinreichend erforscht erscheinen, so stellt sich der wahrscheinliche Bauablauf in Schneidhain als der übliche „Normalfall“ der Entwick­lung solcher Bauten im Mittelalter dar, trotz aller individuellen Varianten: Oft ein Holz­bau in der Frühzeit, dann eine gleichgroße oder erweiterte Saalkirche (vielfach ohne Rechteckchor oder Apsis), an welche im späten Mittelalter ein Chorbau in gotischen Formen angefügt wurde - bei vorherigen Kapellen oder Filialkirchen nach Erhebung zur Pfarrkirche.

 

2.  Im neuen Chor ist, offen, ob bei dessen Errichtung oder zeitlich erst danach, eine Sakramentsnische geschaffen worden, um nun auch das Viaticum parat zu haben und als dingliche Gegenwart Gottes in der Pfarrkirche verehren zu können. Mutmaß­lich datiert diese Sakramentsnische in den gleichen Zeitraum wie der Choranbau. 1732/1741 als „Gottesbild“ in den neuen Kirchenbau versetzt, ist sie heute noch erhalten.

 

Ob noch eine dritte Veränderung im 14. Jh. hinzukam, ist ebenfalls offen. Der 1741 geweihte Neubau besaß jedenfalls im Westen einen Dachreiter mit Glocken. Er ist auch als vor dem Neubau vorhanden zu erschließen, ebenfalls zwei vorhandene Glocken. Und schon die älteste Ansicht des Dörfchens Schneidhain von Sebastian Wolff auf einer Karte aus dem Jahre 1592 doku­mentiert einen Dachreiter. Allerdings ist er - schematisierend ? - so gegeben, als handle es sich um einen neben der Kirche stehen­den, massiven und hohen Glockenturm. Aber auch der dreifach gebrochene Chor­abschluß ist der Schematisierung wegen Kleinheit der Darstellung zum Opfer ge­fallen (wie denn auch die benachbarte Burg Königstein ebensolche „Verkürzungen“ zeigt). Es kann sein, daß die Ursprünge dieses Dachreiters ebenfalls bis in das mittlere Drittel des 14. Jhs. zurückreichen.

 

Ausschnitt aus der Karte des Rotenbergs von Sebastian Wolff 1592.

 

 

Über weitere Veränderungen des Schneidhainer Kirchenbaus im späten Mit­telalter und in der frühen Neuzeit ist nichts bekannt geworden. Nur seine Ausstattung war einem erheblichen Wandel unterworfen. Dies ist eine Folge der Reformation 1540; die Lutheraner beließen mutmaßlich einen Großteil des Inventars in der Kirche und mögen Neues hinzugefügt haben, etwa eine Kanzel. 1582 wurde Schneidhain calvi­nistisch - und man warf fast die ganze altgläubige Ausstattung aus der Kirche hinaus; offenbar hat sich nur die ortsfeste Sakramentsnische als (dann aber anstößiges) „Gottesbild“ erhalten. 1626 kurzzeitig wieder katholisch geworden, hatte der Bau ab dem „Bergsträßer Rezeß“ 1650 als katholisch-calvinistische Simultankirche zu dienen (bis 1949). Entsprechend der Nut­zungsverteilung, nämlich Chor den Katholiken und Schiff den Reformierten, kam es zu konfessions­unterschiedlichen Ausstattungen, was auch für den 1741 geweihten Neubau gilt. Erhalten haben sich die schon angeführte Sakramentsnische des 14. Jhs. und - 1949 übernommen in die neuerbaute kath. Pfarrkirche Schneidhains - der spätgotische Kruzifixus mit schwenkba­ren Armen sowie der im Barock veränderte Renaissance-Altar, der sogenannte „alte spanische Feldaltar“. Die letztgenannten beiden Ausstattungsstücke können erst nach 1650/52 als „katholische“ Ausstattungs­stücke in die nunmehrige Simultankirche gekommen sein, der „Feldaltar“ vielleicht gar erst zur Weihe des Neubaues 1741.

 

Ausschnitt aus der Karte des Rotenbergs von Sebastian Wolff 1592.

 

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