Vom Schneidhainer „Lindwurm“

Von Pfarrer Otto Raven

 

     Eine merkwürdige Sache, die immer wieder einmal die Gemüter erregte und sogar zu Behörden-Entscheidungen führte, ist das Nutzungsrecht  des evan­geli­schen Pfarrers von Neuenhain am Graswuchs, Obstertrag und etwaigem Holz abgängiger Bäume auf dem Kirch­hof in Schneidhain.

 

     Das Recht stammt aus der Zeit vor der Reformation, als Schneidhain ein Pfarr­haus und einen eigenen Pfarrer hatte. Dieses Recht ging dann 1535/401 auf den lutherischen Inhaber der Pfarrstelle und 1581/822 auf die reformierten Pfarrer der Neuenhainer Pfarrei über, bei denen es auch 16503 blieb. In dem alten Pfarr-Be­soldungsbuch von 1619 ist dieses Recht aufgeführt; sonst wäre es wohl längst vergessen gewesen.

 

     1659 schreibt der reformierte Pfarrer Thomson darüber: „Diesen Kirchhof hat der David Gregori bestanden (= gepach­tet) jährlich um eine gute Karre Holz. - Ich habe mich anfangs überreden lassen, als käme der Kirchhof dem Herrn Kaplan (dem 2. ref. Pfarrer und Schulmeister) zu. Deswegen bin ich mit dem Herrn Kaplan und Georg Weingärtner von Altenhain zum Herrn Andreas Textor, jetzigem Pfarrherrn zu Bergen in der Graf­schaft Hanau gegangen, welcher in den alten Friedenszeiten (= vor 1618) der erste Kaplan allhier gewesen war (von 1616 an), um zu hören, wer den Friedhof ge­nießen soll. Hat der geantwortet, daß zu seiner Zeit der Pfarrherr des Kirchhofs Nutzen innegehabt habe. - Diesen Kirch­hof hat bishero der hiesige kurmainzische (= katholische) Pfarrer zu sich zu ziehen getrachtet, auch schon einmal, ohne mein Vorwissen, dem Krügerhans zu Schndh. wirklich eingeräumt (= verpachtet). Des­wegen ich an ihn ernstlich geschrieben habe. Gedachter Krügerhans hat den Kirchhof auf Befehl des Herrn Amt­manns wirklich müssen müßig gehen (= aufgeben) bis Dato.“

 

     In der Revolutionszeit von 1848 zog die Bürgerliche Gemeinde Schneidhain will­kürlich und widerrechtlich die Friedhofs­nutzung an sich. Aber der Neuenhainer evangelische Kirchenvorstand, der als­bald schriftlich dagegen Klage erhob, bekam 1851 das „inven­tariatsmäßige, durch den bisherigen jahrhundertealten Besitzstand gestützte“ Recht wieder zurück.

 

     Schon ca. 30 Jahre früher, im September 1820, hatte es einen Streit wegen dieser Fried­hofsnutzung gegeben. Anlaß dazu war ein Sturm, der einen großen Ast der dicht bei der Kapelle stehenden großen Linde abgerissen und aufs Kirchendach geschleudert hatte. Am Dach war ein Schaden entstanden, der den Kapellen­fonds 8 Gulden kostete. Niklas Gregori, der für den Pfarrer das Gras des Kirch­hofs nutzte, arbeitete den Lindenast auf und fuhr das Holz in den Neuenhainer Pfarrhof. Der evangelische Pfarrer ließ dann auf den Rat eines sachverständigen Mannes hin die Linde fällen, um die Ge­fahr für Dach und Fenster der Kirche ganz zu beseitigen. Das viele Brennholz aber gönnten ihm manche Schneidhainer nicht und stahlen Teile davon heimlich bei Nacht. Auch die Zivilgemeinde mischte sich ein und suchte das Abfahren des Holzes nach Neuenhain zu verhin­dern. Denn sie sei durch Regierungsver­ordnung verpflichtet, den Kirchhof in Ordnung zu halten, deshalb stehe ihr auch das Fällen von Bäumen und die Nutzung des Holzes zu. Im Verlauf dieses Streites belegten die Gegner den Pfarrer4 mit dem Spitznamen „Lind­wurm“, wie die Neuenhainer katholische Kirchen­chronik berichtet hat. Wieder ging die Streitsache an das Gericht in Königstein. Justizrat Stahl ließ sich das alte Neuen­hainer Pfarrbesol-dungsregister von 1619 vorlegen, verhalf dem Neuenhainer Pfar­rer zu seinem alten Recht und wies den Anspruch der Bürgerlichen Gemeinde Schneidhain ab.

 

     So geschehen im Jahre 1820, in einer Zeit, die sonst so aufgeklärt und fort­schrittlich war.

 

(Dieser Artikel wurde einem Manuskript „Zur Geschichte von Schneidhain“ von Pfarrer Otto Raven entnommen. Er ist Teil der umfangreichen „Schneid­hainer Orts- und Kirchengeschichte“ in der Festschrift „1741 - 1991“ der Evangelischen Kirchengemeinde Schneidhain.    O.K )

Anmerkungen:

 

1    1535 wurde Graf Ludwig II. von Stolberg nach
      dem Tode Eberhards IV. von Eppstein Inhaber
      der Grafschaft Königstein und Vogt der Vogtei 
      Sulzbach.

2    Nach dem Tode des Grafen Christoph von 
      Stolberg zog der Pfälzer Kurfürst Karl Ludwig 
      als Erb- Kastenvogt des aufgelösten Klosters 
      Limburg das heimgefallene Vogteilehen ein. 
      Schneidhain wurde mit Altenhain Teil des Amtes 
      Neuenhain.

3    Im „Bergsträßer Rezeß“ tauschte Kurpfalz das 
      Amt Neuenhain gegen das kurmainzische Amt
      Schauenburg. In dem umfangreichen Vertrag  
      wird u.a. zugesichert, daß das religiöse Bekennt-
      nis unangetastet bleibt.

4    Carl August Hermann von Saint-George, 1791
      in Kirchheim-Bolanden geboren, war von 1818
      bis 1845 evangelischer (uniierter) Pfarrer von
      Neuenhain, der Autor dieses Artikels, Otto
      Raven, von 1923 bis 1961. Am 1.4.1927 wurde
      Schneidhain von Neuenhain in die Königstei-
      ner Pfarrei umgepfarrt.