Vom Schneidhainer Dinggericht

von Pfarrer Otto Raven

 

Möglicherweise war der Anfang des Dorfes Schneidhain ein Hof, der in dem wiesenreichen Liederbachtal auf Betreiben des Grundherren bzw. seines Vogtes angelegt wurde, um die günstigen Weide­bedingungen auszunutzen, also ein Able­ger des Sulzbacher Fronhofes. Wasser war vorhanden: der Liederbach. Hochwasser­freies Gelände für die Hofgebäude war auch da. Das Holz zu Fachwerkbauten war leicht aus dem nahen Markwald zu beschaffen. Als später weitere Höfe für Sulzbacher/Sodener Bauernsöhne hinzu­kamen, Wald zu Ackerland gerodet, Wege durch Waldstücke angelegt (= geschnit­ten), eine gemeinsame Einhegung der Höfe angelegt war, da war Schneidhain als Dorf entstanden. Irgendwann bekam es eine von Sulzbach aus bediente Kapelle, vielleicht gleichzeitig ein eigenes Nieder­gericht, Höfisches oder Dinggericht genannt.

 

Dieses Gericht tagte im Dinghof. Das ist wohl der alte Hof in der Nachbarschaft der Kirche, der freilich längst an- und umgebaut worden ist. Im Jahre 1772 wird er noch erwähnt, dagegen 1811 nicht mehr. Inzwischen war er vermutlich in Privatbesitz verkauft worden. Es wird das heutige Grundstück Trautmann sein.

 

Im Königsteiner Stadtplan finden wir die Bezeichnung Dingweg für eine Wege­parzelle, die zwischen Bahnhof und Busbahnhof die Kurmainzer Straße mit der Wiesbadener Straße verbindet. Auch an der heutigen Bischof-Kaller-Straße hat diese Bezeichnung noch gehangen. Der Dingweg ist ursprünglich der Weg, der die Grenze bildet zwischen den Grundstücken, die dem Schneidhainer Dinggericht unterstehen, also in die Vog­tei Sulzbach gehören oder gehört haben, und den Gütern, die dem Königsteiner Gericht unterstehen. Zugleich ist es wohl der Weg, den die Königsteiner Inhaber dinghöfischer Güter benutzten, wenn sie an den festgesetzten Gerichtstagen nach Schneidhain zum Dinghof gingen. Der Dingweg führte vom Dinghof in Schneid­hain durch die Struth, ursprünglich ein Waldstück, zur alten Frankfurter Straße, die von Königstein her dem Hardtberg zustrebte. Seine Fortsetzung war vermut­lich der alte Kronberger Hohlweg.

 

Über die Abtrennung der Schneidhainer Kapelle von der Sulzbacher Kirche und Pfarrei gibt es keinerlei Urkunde, eben­sowenig über die Zeit der Einrichtung des Dinggerichts, das später auch von Alten­hainern bebaute Grundstücke umfaßte, soweit solche nicht zum Altenhainer Königsgut und Königsgericht gehörten. Vielleicht erfolgte die Abtrennung des Gerichtsbezirks etwa gleichzeitig mit der kirchlichen Abtrennung, also schon sehr früh. Eine Erwähnung findet sich in dem Vermächtnis der Schneidhainer Eheleute Thele und Catherine für die Nonne zu Retters Kunzelin von Rohrbach vom 4. Mai 1347, wo es heißt, daß diese Ver­schreibung in dem Gerichte zu Sneythayn geschehen ist.

 

Im Jahre 1550, am 10. Mai, wurde auf Befehl des Grafen Ludwig von König­stein-Stolberg unter Zustimmung des Limburger Abtes Johann von Bingenheim der Dinggerichtsbezirk gründlich began­gen und die Grenzen mit Grenzsteinen markiert. An dieser Begehung nahmen als Zeugen die Schultheißen der beteiligten Dörfer und der Stadt Königstein teil, zwei Landmesser und viele Einwohner, beson­ders die erfahrenen Alten, auch der Königsteiner lutherische Pfarrer Post und der Sulzbacher Pfarrer Hermann Rüle­mann, der dann als Dinggerichtsschreiber das Protokoll geschrieben hat, selbstver­ständlich die Dinggerichts-Schöffen, 8 an der Zahl, und ebenso viele Königsteiner Schöffen. Zu dem umgangenen Bezirk gehörten die heutige Schneidhainer Gemarkung und Teile der Altenhainer und Königsteiner Gemarkung, dazu der Wald bis zur Kalbsheck und Dittelshainer Wie­sen einschließlich, Billtal und Schmittrö­der Wiesen, Rombach, Hofwiese, Pfarr­wiese, das Gebiet zwischen Dingweg und Neuenhainer Wald, auch Fahrstück, Hinterwald, Altenhainer Bauwald, Grundserlenwiesen, Büttelgut und der gesamte Johanniswald. “Alsoweit er­streckt sich die ganze Dingmark dieses Höfischen Gerichts.”

 

Gemäß Aufschrift auf einem Aktenbündel des Hauptstaatsarchivs Wiesbaden sollen Akten über das Gericht bis 1426 zurück vorhanden sein, was aber nicht ganz stimmt, denn die Aufzeichnungen betr. 1426 beziehen sich auf den Burgbezirk Königstein. In dem Aktenbestand, der bis 1796 reicht, gibt es ein reiches Material von Protokollen und Nachrichten, z.B. auch aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit vielen Namen aus Schneid­hain, Altenhain, Neuenhain, Königstein, Schloßborn. Besonders sorgfältig und deutlich geschrieben ist ein langes Proto­koll über eine Gerichtstagung vom “Dienstag nach Walpurgi Anno 1636”. Damals ist das Dinggericht “für 3 Jahre auf einmal gehalten worden wegen dama­liger Pestzeiten 1634 und 35”. Nicht we­niger als 253 Grundbesitzveränderungen wurden registriert, denn die Pest hatte fürchterlich gehaust und ganze Familien hinweggerafft.

 

Das Gericht ist berechtigt, Grundstücks­grenzen neu festzustellen und Steine zu setzen; es  registriert alle Grundbesitzver­änderungen: Kauf, Tausch, Vermächtnisse und Erbschaften nach Todesfällen, oder wenn sich Altgewordene auf das Altenteil zurückzogen. Diese Fälle werden im Protokoll vermerkt unter Festsetzung der Gebühren. Diese Gebühr heißt Faherecht, auch Pfarrecht; das bedeutet Empfangs­recht, sie betrug 1/2 Gulden = 15 Albus für jeden Erbfall. Wenn aber jemand neu, zum erstenmal in den Besitz von Grund­stücken kam, also beim Dinggericht erst­mals erschien, etwa beim Kauf von Ding­gut, dann zahlte er noch das Mundbar-Recht = 8 Albus.

 

Diese und andere Gebühren fallen zum Teil der Herrschaft zu, dem Vogt und seinem Amtmann, zum Teil dem Gericht, zum Teil dem Dingmann, das heißt den zum Gericht Versammelten, welche nach geendeter Tagung die Summe in Brot, Käse, Bier oder Wein anlegten, “verzehr­ten”. Das geschah beim Schneidhainer Gastwirt. Da die Neuenhainer Pfarrer bzw. später der Schulmeister Besol­dungswiesen in Schneidhain innehatten, erscheinen sie nach ihrer Einsetzung beim nächsten Gerichtstag und zahlen ihr Pfaherecht. Im Falle von Armut und Bedürftigkeit erbender Kinder hat man die Gebühren gekürzt oder ganz erlassen. Die für die anwesenden Dingmänner anfal­lende Gebührensumme schwankt zwi­schen 2 1/2 und 13 bis 20 Gulden. Eine einmalige Ausnahme ist im Mai 1636 die Summe von 65 Gulden für die drei Jahre nach der Pestzeit. Soviel Geld wird man kaum auf einen Sitz vertilgt haben; vermutlich hat man Geld zurückbehalten für die nächsten Tagungen.

 

Es wurden zwei, später drei Dinggerichts-Tagungen gehalten: Dienstag nach Neu­jahr, Dienstag nach Walpurgis (1. Mai) und im November. Diese Tage “haben der Römischen Kaiserlichen Majestät Befrei­ung”, d.h. die Dingmänner sind an diesen Tagen von allen Frondiensten befreit. Wer Grundbesitz im Bezirk hatte, mußte zum Gericht erscheinen und dabei den Schoß­heller - eine Grundsteuer - und das fällige Bedkorn entrichten; Auswärtige entrichteten Geld statt Korn. Wer unent­schuldigt fehlte, mußte drei Albus Strafe zahlen. Alle Anwesenden soll man auf­schreiben. Entschuldigtes Fehlen des Dingmanns darf folgende Gründe haben: Daß der Betreffende unterwegs ist im Auftrag der Herrschaft; daß er selbst Hochzeit hält oder an dem Tag Sohn oder Tochter heiraten; daß einer eine Hochzeit in der Nachbarschaft besucht als eingela­dener Gast. Entschuldigt ist, wer eine Wallfahrt macht oder an einer Prozession teiltnimmt. 1673 hat einer die Torwacht zu halten am Königsteiner Tor; ein anderer ist im Kriege; einer schlachtet dem Ober­amtmann in Königstein Schweine am Gerichtstag.

 

Am Gerichtstag kann jeder eine Sache vorbringen, auch Klagen gegen Andere z.B. wegen Scheltworten, wegen Beleidi­gung und gekränkter Ehre. “Schelte, Schaden, Schmähungen in Dorf und Feldmark” haben die Höfischen Gerichte zu ahnden, auch Verstöße gegen die gute Nachbarschaft, die guten Sitten und poli­zeilichen Vorschriften, z.B. Ausschreitun­gen im Trunk, Entheiligung des Feiertags, grundloses Versäumen des Kirchgangs, Ehestreitigkeiten, Übervorteilung durch zu hohe Preise und Zinsen, auch sonstige böse Geschäfte.

 

Das Gericht hatte einen Büttel oder Pedell, für den das Büttelgut bestimmt war, Äcker und Waldstück. Er machte die Gerichts­termine bekannt, erledigte Botengänge. Ob er auch den Dinghof innehatte, geht aus den Akten nicht hervor. Bei den Tagungen bekam er auch Gebühren­anteile.

 

Das letzte richtige Protokoll ist vom 2. November 1784. Für 1796 ist aber noch eine Liste der 82 erschienenen Dingmän­ner erhalten geblieben. Als in der Nas­sauischen Zeit nach 1802/03 im Zuge der großen Verwaltungsreform 1811 alle Niedergerichte abgeschafft wurden, wird der Dinghof nicht mehr erwähnt. Die noch vorhandenen Dinggerichts-Wiesen wer­den vom Staat eingezogen und später mit dem Domänenland verkauft. Der Dingge­richtsbezirk wird den Gemarkungen Schneidhain, Altenhain und Königstein zugeteilt, ebenso die Wälder der Sulzba­cher Waldmark, an der auch Sulzbach, Soden und Neuenhain beteiligt wurden.

 

Zum Schluß noch der Wortlaut, mit dem der Neuenhainer Amtmann Georg Ernst Straub am Dienstag nach Philippi-Jakobi (= 1. Mai) 1769 die Tagung des Höfi­schen Gerichts zu Schneidhain eröffnet hat:

 

“Weil es alten Herkommens und ge­bräuchlich ist, dieses höfische Dinggericht hier zu Schneidhain an den angesetzten Tagen als dem ersten Dienstag nach Philippi Jakobi zu halten, so frage ich Euch, höfische Gerichte (Gerichts­männer), ältere als neue, ob dieses der rechte Tag, rechte Zeit und Stunde sei, dieses Gerichte zu hegen und zu halten? Sie antworteten: Ja! So hege und halte ich solches vonwegen und anstatt des hoch­würdigsten Fürsten und Herrn, Herrn Emmerich Josephs von Breitenbach-Bürresheim, Erzbischofs zu Mainz, des Heiligen Römischen Reichs durch Germanien Erzkanzler und Kurfürsten, unsers allseits gnädigsten Herrn. Ich hege und halte es zum ersten Mal im Namen derer Älteren und Gerichte also und dergestalt, daß keiner dem andern in seine Rede falle, noch ungebührlicher Worte sich gebrauche. Jedoch bleibt jedem nach Gebühr das Recht (zu reden) offen stehen. - Ich frage Euch nochmalen, die Älteren und Gerichte des höfischen Gerichts, ob dieses der rechte Tag und die Stunde sei, dieses Gericht zu hegen und zu halten? Sie antworteten: Ja! So fange ich an, Görg Ernestus Straub, Keller des Amts Neuenhain, wirklicher Vogt des erwähn­ten Dinggerichts zu Schneidhain.”

 

Bei diesem Gerichtstag waren Dingmän­ner, Besitzer höfischer Güter im Bereich dieses Dinggerichts, von Schneidhain, Altenhain, Neuenhain, Königstein, Schloßborn und Eppenhain anwesend, im ganzen etwa 90 Männer. Aus dem Jahre 1796 liegen die Namenslisten der einzel­nen Orte vor, insgesamt 82 Namen.

 

Zum Schluß ein alter Spruch, der den Richtern gerechtes, unparteiisches Urteil einschärft:

            Hastu Gewalt, so richte recht. Gott ist dein Herr und du sein Knecht.      
            Verlaß dich nicht auf dein Gewalt, dein Leben ist hier bald gezahlt.         
            Wie du zuvor hast richtet mich, also wird Gott auch richten dich!  
            Hier hastu gericht nur kleine Zeit, dort wirstu gericht in Ewigkeit.

            (Aus der “Rechtsfibel” von Eugen Wohlhaupter, Staakmann-Verlag Bamberg 1956.) 

 

Dieser Artikel wurde zusammengestellt aus dem Manuskript eines Vortrages, den Pfarrer Raven 1972 (?) in Schneidhain gehalten hat, mit Auszügen aus dem Vortag vom 8.9.58 im Verein für Heimatkunde Königstein (“Königstein und Schneidhain. Stadt und Dorf in vergangenen Jahrhunderten”. Taunus-Blätter, Beilage ... der Taunus-Zeitung, Nr.5/1959, 14.11.59) und dem Buch “Neuenhain im Taunus. Geschichte eines Dorfes.” von Otto Raven, Hrsg. Gemeinde Neuenhain im Taunus. 1971. - Otto Raven (1895-1983) war von 1923 bis 1961 evange­lischer Pfarrer von Neuenhain und bis 1927 auch von Schneidhain. Siehe auch: Otto Raven: Schneidhainer Orts- und Kirchengeschichte. in: 1741 - 1991 — 250 Jahre. Hrsg. Ev. Kirchengemeinde Schneidhain. O.K.